Holzschädlinge im Meer

60 Millionen Jahre Evolution haben bewirkt, dass einige Muschelarten ihre Schalen nicht wie andere Muscheln zum Eigenschutz verwenden, sondern für die Eroberung eines ganz speziellen Lebensraumes angepasst haben.

 

Teil 1: Gefräßige Muscheln

Optisch ein Wurm, tatsächlich aber eine Muschel: Die lang gestreckten Schiffsbohrmuscheln haben an ihrem Vorderende stark verkleinerte Muschelschalen, die zu Bohrwerkzeugen umgebildet sind.

Das verborgene Leben der Schiffsbohrmuscheln

Mit Hilfe mehrerer Reihen scharfer Zähnchen - etwa 1000 Stück auf jeder Schale - raspelt die Bohrmuschel tiefe Gänge in unter Wasser frei liegende Hölzer und Holzkonstruktionen. Nur die beiden Siphone am Körperende, durch die das Atemwasser ein- und ausströmt, ragen aus dem Gang heraus. Um ihren weichen Körper zu schützen, kleidet die Bohrmuschel ihre Gänge mit Kalk aus. Das abgeraspelte Holz dient der Ernährung und wird im Darm durch symbiontische Bakterien aufgeschlossen.

Befallener Holzbalken mit schematischer Darstellung einer Schiffsbohrmuschel.

Bohrmuscheln können eine Länge von bis zu 45 cm bei einem Durchmesser von etwa 1,5 cm erreichen. Sie kommen weltweit nur im Meer und im Brackwasser ab einer Salinität von ca. 8 Promille vor. Geringere Salinitäten können durch das Verschließen des Bohrganges für einige Zeit (bis zu 6 Wochen) toleriert werden. Die meisten der rund 80 Arten bevorzugen warme Wassertemperaturen und kommen vornehmlich an den Küsten gemäßigter und tropischer Breiten vor. Am Besten lassen sich die Arten anhand der Form ihrer zwei Paletten unterscheiden. Die Paletten bestehen aus Kalk und dienen als Schutzorgane für die beiden Siphone.

Bohrmuscheln sind Zwitter, bei denen abwechselnd die männlichen und weiblichen Keimdrüsen reifen. Die Reproduktion findet im Sommer und Herbst statt. Die geschlüpften Larven halten sich von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen im freien Wasser auf. Kaum hat sich die Larve mit einem Byssusfaden am Holz angeheftet, bohrt sie sich in das Holz ein, das sie anschließend zeitlebens nicht mehr verlässt. Die Lebensdauer beträgt 1-3 Jahre, die Geschlechtsreife kann schon nach 3-6 Wochen erreicht werden. Durch die enorm hohe Eiproduktion einer Bohrmuschel von bis zu 5 Millionen Stück pro Jahr kommt es häufig zu Massenvorkommen, wodurch innerhalb kurzer Zeit große Mengen von Holz zerstört werden.

Teilweise freigelegte kalkwandige Röhren von Schiffsbohrmuscheln.

 

"Holland in Not"

Archäologische Funde und alte Schriften belegen: Schon die Griechen und Römer kannten den ungeheuren Appetit der Schiffsbohrmuscheln. Sie versuchten ihre Schiffe durch die Verwendung harter Holzsorten, einer zusätzlichen Beplankung, einem Anstrich mit Pech und Asphalt oder dem Aufnageln dünner Bleibleche zu schützen. Bohrmuscheln machten auch vor den Schiffen der großen Seefahrer des Mittelalters nicht halt. So verlor Kolumbus bei seiner letzten Fahrt nach Amerika im Jahre 1502 mindestens vier Korvetten durch die Schiffsbohrmuschel. Eingebohrt in die hölzernen Schiffsrümpfe wurden zunehmend auch Bohrmuscheln weltweit verschleppt. Eine der ersten dokumentierten gebietsfremden Arten, die in den europäischen Meeren festgestellt wurde, ist der sogenannte Schiffsbohrwurm Teredo navalis. Sehr wahrscheinlich wurde diese Bohrmuschelart durch Kolumbus aus der Karibik nach Europa eingeschleppt. Es wird vermutet, dass der Niedergang der Spanischen Armada 1588 durch seine starken Fraßschäden an den Holzplanken verursacht wurde.

Auch Küstenschutzeinrichtungen sind vor dem Schiffsbohrwurm nicht sicher. In den Niederlanden mussten im 16. Jahrhundert hölzerne Pfahlkonstruktionen wegen starker Schäden schon nach zwanzig Jahren Gebrauch erneuert werden. Nach 1700 wurden die Beschädigungen durch Teredo navalis immer größer. Bei der Sturmflut 1731 brachen schließlich mehrere hölzerne Deichtore und da weite Teiles des Landes unter dem Wasserspiegel der Nordsee liegen, kam es zu großen Überflutungen. Die Schäden waren immens, viele Menschen kamen in den Fluten ums Leben. So entstand die Redewendung "Holland in Not".

Durch Schiffsbohrmuscheln zerstörter Holzbalken.

 

Der größte Feind der Unterwasser-Archäologie

Mit dem Niedergang der Holzschiffe und dem Aufstieg der Stahlschiffe haben die Bohrmuscheln ihren Schrecken für die aktive Schifffahrt größtenteils verloren. Bedroht sind weiterhin aber alle Holzkonstruktionen im Meer, wie z.B. Buhnen, Dalben, Seestege und -brücken. In den letzten Jahrzehnten ist es wiederholt an der deutschen Ostseeküste zu einem Massenbefall durch den Schiffsbohrwurm Teredo navalis gekommen. Mit Millionenaufwand mussten zerstörte Holzpfähle ausgetauscht werden.

Die vielen Löcher in den Planken deuten auf einen Massenbefall mit Schiffsbohrmuscheln hin.

Im Gegensatz zu modernen Bauwerken löst ein Austausch hölzerner Bestandteile archäologischer Schätze, wie insbesondere historischer Schiffswracks, nicht das Problem. Durch Schiffsbohrmuscheln zerstörtes antikes Holz ist unwiederbringlich verloren. Zum Glück liegen viele hölzerne Wracks aus früheren Zeiten im Meeresboden begraben. Sie sind damit relativ sicher vor Befall. Starke Strömungen und Wellenschlag können sie jedoch jederzeit freilegen und so den "Termiten der Meere" zugänglich machen.

Ein Befall und insbesondere das genaue Ausmaß der Schäden sind oft auch nicht sofort auf den ersten Blick erkennbar, da an der Holzoberfläche bei relativ frischen Befall meistens nur eine kleine Eintrittsöffnung auf das zerstörerische Wirken der Schiffsbohrmuschel im Inneren des Holzkörpers hinweist. Umso wichtiger ist es, dass frühzeitig und regelmäßig genaue Untersuchungen an offen liegenden kulturhistorisch bedeutsamen Holzobjekten durchgeführt werden, um rechtzeitig über die Notwendigkeit von Sicherungsmaßnahmen entscheiden zu können.

Ein Meeresbiologe und FUWA-Mitglied begutachtet den durch Schiffsbohrmuscheln verursachten Schaden am venezianischen Wrack Gagliana.

Interessante Literatur zum Thema:

  • Gollasch, S. (2000): Warum war "Holland in Not"? - SDN-Magazin 2000: 16-21.
  • Müller, J. (2010): Holzarten im historischen Schiffbau und ihre Gefährdung durch Terediniden. - Skyllis 10: 90-94.
  • Nehring, S. (2007): Bio-Invasionen. - Meer & Küste: Deutsche Ostsee 2007: 38-39.


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