Historische Fakten

Der aktuelle Stand zu den Forschungen über das venezianische Wrack Gagliana ist durch Dr. Irena Radić Rossi (Universität Zadar) und Co-Autoren im Jahre 2013 auf Deutsch als Beitrag im Buch "Archäologie des Mittelmeeres" veröffentlicht worden. Die bisher gewonnenen Erkenntnisse sind unglaublich spannend und interessant - als kleiner Auszug aus dem Beitrag wird im Nachfolgenden in zusammenfassender Form der momentan bekannte historische Hintergrund des Wracks und seiner Ladung näher vorgestellt.

Feuer im Harem

Seit 1574 herrschte in Konstantinopel (das heutige Istanbul) Sultan Murad III. über das Osmanische Reich. Er stand im Ruf, seinem Harem und seinem Privatleben auf Kosten wichtiger Staatsangelegenheiten zu viel Zeit gewidmet zu haben. Unglücklicherweise wurde im Mai 1583 sein Harem durch ein versehentlich ausgebrochenes Feuer zerstört. Aber der Sultan wusste sich zu helfen. Er befahl umgehend, dass alle verfügbaren Handwerker von Konstantinopel sowie die Angestellten seines Hofes den Harem wieder aufzubauen und seine frühere Pracht wieder herzustellen haben.

Der Sultan wollte nur die besten Materialien zur Renovierung seines Harems. Er wusste, dass seit dem Mittelalter Murano (eine kleine Insel bei Venedig) berühmt für seine Glasherstellung war. Kurzerhand bestellte er 5.000 runde Fensterscheiben beim venezianischen Senat. Obwohl das osmanische und das venezianische Reich zur damaligen Zeit nicht freundschaftlich verbunden waren, stimmte der Senat nach drei Monaten Beratung der finanziell lukrativen Bestellung zu.

Durch den Fund unglaublicher Mengen runder Artefakte aus Glas beim Wrack an der kleinen Insel Gnalić sind sich die Experten sicher: Es handelt sich um die Lieferung für Sultan Murad III.

Die wertvolle Ladung

Umgehend wurde ein Frachtschiff ausgewählt, um die bestellten Fensterscheiben zu transportieren. Es war 1569 in Venedig vom Stapel gelaufen und hatte eine Transportkapazität von etwa 675 t bei einer Rumpflänge von bis zu 40 m. Ende August 1583 begann die Beladung. Weitere Händler schlossen sich dem Transport an und beluden das Schiff mit verschiedenen, für den Markt von Konstantinopel bestimmten Waren: u.a. in Leder gefasste Brillen aus Nürnberg, Rollen mit gefärbten Damast, Hemden und Wollkappen, Messing-Leuchter aus Lübeck, Weingläser, Vasen, Spiegel und Schmuckperlen, Schellen, Rasierklingen und Nähutensilien.

Unscheinbar, kulturhistorisch aber eine Sensation: Eine Wollkappe aus dem Wrack bei der kleinen Insel Gnalić, die nur von Porträts aus dem 16. Jahrhundert bekannt war und nirgendwo aufbewahrt wurde.

Um der Mutter Murad III., Nurbanu, die venezianische Wurzeln hatte, eine Freude zu machen, packten die venezianischen Patrizier extra drei Ballen feinster Seide an sie als Geschenk ein. Kurz vor der Abreise wurden durch einen flämischen Händler auch noch zwei ungewöhnlich wertvolle Gepäckstücke an Bord gebracht: eine kleine eiserne Schatulle und eine Truhe in einer versiegelten Leinenrolle, prall gefüllt mit Edelsteinen.

Der Schiffbruch

Ende Oktober 1583 war es soweit, das voll beladene Frachtschiff legte in Venedig ab und nahm Kurs auf die östliche Adriaküste. Gerade noch rechtzeitig, denn vom 15. November bis 20. Januar galt auf Grund unberechenbarer Schlechtwetterlagen ein allgemeines Winterreiseverbot in venezianischen Gewässern.

Das Schiff stand unter dem Kommando von Kapitän Alvise Finardi, einem erfahrenen 65-jährigen Segler, der bereits zwei Schiffbrüche er- und überlebt hatte. Warum der Kapitän nicht direkt nach Konstantinopel segelte sondern vor der dalmatinischen Küste den Kurs Richtung Hafen von Biograd änderte, ist bis heute genauso wenig bekannt, wie die eigentliche Ursache des Schiffsbruchs. Es liegt nahe, dass das Schiff in einen Sturm geriet oder auf Grund eines Feuers an Bord bei der kleinen Insel Gnalić sank. Auf jeden Fall kamen bei dem Untergang Menschen ums Leben, wie zwei während der Untersuchungen im Jahre 1973 gefundene menschliche Knochen belegen.

Am Fuße der kleinen Insel Gnalić ereignete sich 1583 ein Schiffbruch, der heute Unterwasser-Archäologen aus der ganzen Welt das Herz höher schlagen lässt.

1583 - Erste Bergungsaktionen

Bereits am 9. November 1583 erreichte die Kunde vom Untergang Venedig. Nur einen Tag später hatten die venezianischen Notare bereits Abtretungsdokumente ausgefertigt, da die Ladung versichert war. Die Ansprüche der Eigentümer der Waren wurden an die Versicherer übertragen, um die Deckungssummen ausgezahlt zu bekommen.

Ein gewisser Manoli, griechischer Schwammtaucher und Korallenfischer, wurde umgehend mit der Bergung der gesunkenen Waren sowie der Ausrüstung und Takelage des Schiffs beauftragt. Sein Lohn: ein Drittel des Wertes der geborgenen Gegenstände. Auch spornten ihn sicher die Gerüchte an, dass sich etwas besonders Wertvolles an Bord des Schiffes befinden sollte.

Schon im Dezember 1583 begann Manoli mit der Bergung. Zeitgleich wurde eine Galeere zwecks Sicherstellung der Güter zum Ort des Unglücks entsendet. Anfang Januar 1584 fand Manoli die kleine Schatulle und die Truhe. Beide Behälter wurden nach Zadar und anschließend nach Venedig gebracht. In Anwesenheit eines Notars und der Wareneigentümer wurden sie geöffnet und es kamen Perlen, Diamanten und Smaragde, von denen einige noch roh, während andere in Anhänger und Ringe gefasst waren, zum Vorschein.

Sultan Murad III. musste trotz des Unglücks auf seine Fensterscheiben nicht verzichten. Der Senat von Venedig veranlasste eine neue Lieferung, die mit einem Teil der geborgenen Edelsteine wohl behalten Konstantinopel erreichte.

Schon am 26. Januar 1584 beendete Manoli seine Arbeit und verlangte in Zadar den Lohn für seine Dienste. Offenbar beabsichtigte er nicht, die gesamte Fracht und die Ausstattung des Schiffes zu heben, sondern nur so viel, dass er mit einem anständigen Gewinn aus dem Auftrag hervorging - aus heutiger Sicht ein Glückfall für die Archäologie, denn von den damals geborgenen Gütern ist heute nichts mehr vorhanden. Durch den Abschluss der Bergung geriet das Wrack mit seinen vielen weiteren Kostbarkeiten jahrhundertelang in Vergessenheit. Erst 1967 sollte, ausgelöst durch Funde kleiner archäologischer Preziosen durch Schwammtaucher von der Insel Murter, das untergegangene Frachtschiff als ein "Spiegel der Renaissance Europas" wiederentdeckt werden.

 

Zum Nachlesen und vieles mehr:

  • Radić Rossi, I., Bondioli, M., Brusić, Z., Castro, F. & Nicolardi, M. (2013): Das "Schiffswrack von Gnalić" - Spiegel der Renaissance Europas. - In: Reinfeld, M. (Hrsg.), Archäologie im Mittelmeer. Philipp von Zabern, Darmstadt Mainz: 62-72.